Medikamente, die das Hungergefühl steigern können

Einige Arzneimittel regen nicht nur den Stoffwechsel an – sondern auch den Appetit.

Viele Menschen, die Medikamente einnehmen, stellen fest: Sie essen plötzlich mehr, häufiger oder anders als zuvor. Das kann frustrierend sein – vor allem, wenn man abnehmen oder sein Gewicht halten möchte. Doch was steckt dahinter? Welche Medikamente machen wirklich hungrig – und warum? Dieser Artikel beleuchtet die Zusammenhänge zwischen Arzneimitteln und gesteigertem Hungergefühl. Du erfährst, welche Wirkstoffe betroffen sind, wie sie auf Appetit und Sättigung wirken – und wie du trotz Medikamenteneinnahme deine Ernährung in den Griff bekommst.

Warum Medikamente das Hungergefühl verändern können

Unser Hungergefühl ist ein komplexes Zusammenspiel aus Hormonen, Neurotransmittern, Blutzuckerwerten und psychischen Faktoren. Medikamente können an verschiedenen Stellen in dieses Gleichgewicht eingreifen. Sie beeinflussen zum Beispiel den Serotonin- oder Dopaminhaushalt, verändern den Blutzucker, wirken beruhigend oder entwässernd – all das hat Auswirkungen auf Appetit und Essverhalten.

Nicht jede Person reagiert gleich, doch bestimmte Medikamentengruppen gelten als besonders appetitsteigernd. Die Gründe reichen von einer direkten Wirkung auf das zentrale Nervensystem bis hin zu Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Wassereinlagerungen oder Schlafstörungen, die kompensatorisch mit Essen ausgeglichen werden.

Arzneimittelgruppen, die den Appetit anregen können

Viele Menschen merken erst nach Wochen, dass sich ihr Essverhalten verändert – nicht, weil sie plötzlich mehr Lust auf Süßes haben, sondern weil bestimmte Medikamente im Körper Prozesse anstoßen, die das Hungergefühl beeinflussen. Das macht das Thema so tückisch: Die Gewichtszunahme kommt schleichend – aber konstant.

Bevor wir auf einzelne Medikamentengruppen eingehen, ist es wichtig, dieses Zusammenspiel zu verstehen. Denn nicht jedes Medikament wirkt gleich – und nicht jeder Körper reagiert identisch. Trotzdem gibt es typische Arzneimittel, die den Appetit messbar steigern können. Wer sie kennt, kann gezielt gegensteuern.

1. Antidepressiva

Viele Antidepressiva – insbesondere trizyklische Präparate wie Amitriptylin, aber auch SSRIs wie Paroxetin – erhöhen das Hungergefühl. Ursache ist die Beeinflussung des Serotoninhaushalts, der nicht nur für die Stimmung, sondern auch für die Sättigung zuständig ist. Zudem wirken manche Präparate dämpfend, was Bewegungsmangel und Frustessen begünstigt.

Ein typisches Muster: Die Patientin fühlt sich durch das Medikament zwar emotional stabiler, greift aber häufiger zu kohlenhydratreichen Snacks, insbesondere abends. Das Ergebnis sind zusätzliche Kalorien – oft unbemerkt.

2. Neuroleptika (Antipsychotika)

Insbesondere atypische Neuroleptika wie Olanzapin, Clozapin oder Quetiapin sind dafür bekannt, den Appetit massiv zu steigern. Sie wirken auf mehrere Rezeptoren im Gehirn, darunter Histamin-, Dopamin- und Serotoninrezeptoren. Das Ergebnis ist eine deutliche Steigerung des Hungergefühls – insbesondere auf kalorienreiche, schnell verfügbare Lebensmittel.

Studien zeigen, dass Patient:innen unter bestimmten Neuroleptika innerhalb weniger Monate mehrere Kilogramm zunehmen können – selbst bei unveränderter Ernährung. Die Appetitkontrolle wird gestört, das natürliche Sättigungsgefühl bleibt aus.

3. Kortisonpräparate (Glukokortikoide)

Kortison wird bei zahlreichen chronischen Erkrankungen eingesetzt – von Rheuma über Asthma bis hin zu Haut- oder Autoimmunerkrankungen. Eine bekannte Nebenwirkung: Heißhunger.

Kortison erhöht den Blutzuckerspiegel, beeinflusst den Insulinhaushalt und steigert dadurch das Verlangen nach Nahrung – insbesondere nach Zucker und einfachen Kohlenhydraten. Gleichzeitig kommt es zu Wassereinlagerungen, die das Körpergefühl zusätzlich belasten.

4. Antidiabetika – insbesondere Insulin

Insulin senkt den Blutzucker – aber kann auch Heißhunger auslösen. Wenn die Dosis zu hoch ist oder die Mahlzeiten nicht richtig angepasst sind, kommt es zu leichten Unterzuckerungen. Die Folge: ein intensives Hungergefühl, das oft zu unkontrolliertem Essen führt.

Auch bestimmte Tabletten wie Sulfonylharnstoffe wirken appetitsteigernd, da sie ähnlich wie Insulin den Blutzucker senken und Heißhungerattacken begünstigen können. Neuere Präparate wie GLP-1-Analoga hingegen wirken meist appetithemmend.

5. Antiepileptika

Einige Wirkstoffe wie Valproinsäure, Gabapentin oder Pregabalin werden nicht nur bei Epilepsie, sondern auch bei neuropathischen Schmerzen oder Angststörungen eingesetzt. Eine häufige Nebenwirkung: gesteigerter Appetit und Gewichtszunahme.

Der genaue Mechanismus ist nicht bei allen Substanzen geklärt – vermutet wird eine Wirkung auf das zentrale Belohnungssystem, kombiniert mit sedierender Wirkung, die die Aktivität reduziert.

6. Hormonpräparate

Hierzu zählen insbesondere die Antibabypille, Hormontherapien in den Wechseljahren oder Medikamente bei Endometriose. Durch die veränderte Hormonlage kann es zu verstärktem Appetit, Wassereinlagerungen und veränderten Essgewohnheiten kommen.

Ein typisches Beispiel: Die Lust auf Schokolade oder Snacks steigt in bestimmten Zyklusphasen – bei Einnahme hormoneller Präparate kann dieser Effekt verstärkt auftreten.

Weitere Medikamente mit möglicher Appetitsteigerung

Auch Antihistaminika (z. B. Diphenhydramin), manche Schlafmittel, Antihypertonika (v. a. Betablocker) oder bestimmte Schmerzmittel können indirekt das Essverhalten beeinflussen. Entweder durch Müdigkeit, Bewegungsmangel oder veränderte Hormonreaktionen. Oft ist nicht ein einzelner Effekt verantwortlich – sondern die Summe kleiner Veränderungen.

Was du tun kannst, wenn dein Medikament deinen Appetit steigert

Zunächst einmal: Sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Vielleicht gibt es Alternativen mit weniger Einfluss auf das Hungergefühl. Wichtig ist aber auch, dass du aktiv wirst – denn du bist dem Effekt nicht hilflos ausgeliefert.

1. Achtsames Essen trainieren

Viele Menschen essen unter Medikamenteneinfluss automatisch mehr – ohne es zu merken. Achtsames Essen hilft, wieder in Kontakt mit dem eigenen Hungergefühl zu kommen. Frag dich regelmäßig: Habe ich wirklich Hunger – oder nur Appetit, Langeweile oder Frust?

Führe ein Ernährungstagebuch, um Muster zu erkennen. Plane feste Mahlzeiten mit gesunden Zwischenmahlzeiten, um Heißhunger vorzubeugen. Iss langsam, kaue bewusst – und höre auf, wenn du satt bist.

2. Struktur im Alltag schaffen

Ein regelmäßiger Tagesrhythmus hilft, das Essverhalten zu stabilisieren. Feste Essenszeiten, ausreichend Schlaf, Bewegung und Pausen verhindern, dass der Körper aus dem Gleichgewicht gerät. Auch Stressabbau durch Entspannungsübungen kann das emotionale Essen reduzieren.

Wenn du Medikamente einnimmst, achte besonders darauf, wie dein Körper auf Mahlzeiten reagiert. Trinke ausreichend Wasser und nimm dir Zeit für dich – Selbstfürsorge ist ein wichtiger Schlüssel.

Zwei hilfreiche Gedanken für mehr Gelassenheit

  • Nicht jeder Appetit ist schlecht. Manchmal ist er auch ein Zeichen für Bedürfnisse, die gehört werden wollen – wie Ruhe, Nähe oder Freude. Essen darf Genuss bleiben – aber bewusst gestaltet.
  • Gewichtszunahme durch Medikamente ist kein persönliches Versagen. Du kannst gegensteuern – Schritt für Schritt, in deinem Tempo.

Fazit: Medikamente und Appetit – verstehen, beobachten, handeln

Wenn Medikamente den Appetit steigern, ist das kein Grund zur Resignation – sondern zur Beobachtung. Wer versteht, wie sein Medikament wirkt, kann gezielt gegensteuern. Mit bewusster Ernährung, mehr Achtsamkeit und der richtigen ärztlichen Begleitung lässt sich das Essverhalten wieder in Balance bringen.

Auch wenn es nicht immer einfach ist: Du bist nicht machtlos. Mit Wissen, Unterstützung und kleinen Veränderungen im Alltag kannst du dein Wohlfühlgewicht trotz Medikamenten halten oder erreichen.

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